Kreuzfahrt-Urlauber überrennen Küste: 3 Forderungen der Bewohner

Wenn die Postkartenidylle zum Albtraum wird

In den engen Gassen der Amalfiküste geht an manchen Tagen kaum noch etwas – und die Einheimischen machen Kreuzfahrtschiffe dafür verantwortlich. Was einst als Sehnsuchtsziel für Ruhesuchende und Genießer galt, verwandelt sich zunehmend in eine Fußgängerzone mit Meerblick. Touristen drängen sich Schulter an Schulter, die schmalen Straßen sind komplett verstopft, und selbst die berühmte Aussichtsterrasse von Ravello wirkt an Spitzentagen wie ein überfüllter Marktplatz. Die Region fordert jetzt drastische Maßnahmen – und die Bewohner haben ganz konkrete Forderungen an die Politik.

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Die Schuldigen wurden von den Einheimischen bereits ausgemacht

Wer in den Gassen von Positano oder Amalfi unterwegs ist, sieht sie überall: Menschenmassen, die nicht von den Fähren der Küstenlinie kommen, sondern von den riesigen Kreuzfahrtschiffen, die vor der Küste ankern oder in den Häfen von Salerno und Neapel anlegen. Die Einheimischen haben längst erkannt, dass diese Form des Tourismus ihre Heimat überfordert. Die Region kann so viele Menschen nicht bewältigen. Die Infrastruktur ist nicht darauf ausgelegt, täglich Tausende von Tagesausflüglern zu versorgen, die nur für wenige Stunden an Land kommen.

Besonders problematisch ist, dass die Kreuzfahrtschiffe oft gleichzeitig mehrere Tausend Passagiere entladen. An einem einzigen Tag können so mehr Menschen an der Amalfiküste strömen, als in den kleinen Orten wie Praiano, Atrani oder Minori überhaupt Einwohner leben. Das führt zu einer massiven Belastung der ohnehin engen Gassen, der Restaurants und der öffentlichen Verkehrsmittel.

Von wegen Dolce Vita: Drei Forderungen der Bewohner

Wenn es nach den Bewohnern geht, soll der unkontrollierte Zustrom von Kreuzfahrturlaubern bald ein Ende haben. Aus den Gesprächen mit Lokalpolitikern und Hoteliers haben sich drei zentrale Forderungen herauskristallisiert, die immer wieder genannt werden.

Forderung 1: Ein Verbot für Kreuzfahrtpassagiere, die Schiffe zu verlassen

Diese radikale Forderung kommt von Salvatore Gagliano, einem Politiker und Hotelier aus Praiano. Er ist Eigentümer des Grand Hotel Tritone und kennt die Probleme aus erster Hand. Gagliano sagt: „Wir brauchen eine Regelung, um Passagieren zu verbieten, die Kreuzfahrtschiffe zu verlassen und an Land zu kommen.“ Sein Vorwurf: Die als „Ess-und-weg-Touristen“ verschrienen Kreuzfahrtreisenden wollten meist nur schnell ein paar billige Souvenirs einkaufen, verschwinden dann wieder auf den Schiffen, ohne viel Geld auszugeben. Die kleinen Läden und Restaurants an der Küste hätten kaum etwas davon, während die Kapazitäten der Region vollständig ausgelastet seien.

Was bedeutet der Begriff „Ess-und-weg-Touristen“? Es sind Tagesgäste, die für ein paar Stunden an Land kommen, schnell etwas essen oder einen Kaffee trinken, ein Selfie am berühmten Strand machen und dann wieder zurück aufs Schiff eilen. Sie übernachten nicht, sie konsumieren kaum lokale Produkte, und sie hinterlassen vor allem eines: Müll und Überfüllung. Für die Einheimischen sind sie das Symbol einer unerwünschten Form des Massentourismus, der der Region mehr schadet als nutzt.

Forderung 2: Eine strenge Begrenzung der Anzahl der Kreuzfahrtschiffe

Die zweite Forderung zielt auf die Menge der Schiffe ab, die die Küste anlaufen dürfen. In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Anläufe massiv zugenommen. An manchen Tagen liegen mehrere Schiffe gleichzeitig vor der Küste, sodass sich die Passagierzahlen addieren. Die Bewohner fordern, dass die Anzahl der täglichen Ankünfte strikt gedeckelt wird – ähnlich wie es einige andere Hotspots im Mittelmeer bereits eingeführt haben. Venedig zum Beispiel hat große Kreuzfahrtschiffe aus dem historischen Becken verbannt. Auch an der Amalfiküste wünscht man sich eine Obergrenze, damit die Orte nicht mehr im Touristenstrom ertrinken.

Diese Forderung wird besonders von den Hoteliers unterstützt. Denn das Problem hat eine konkrete Auswirkung auf ihre Gäste: Hotelgäste haben oft keine Lust mehr, ihre Unterkünfte zu verlassen. Wenn sie nach einem erholsamen Frühstück aus ihrer Unterkunft treten und direkt in eine Menschenmenge geraten, die die engen Gassen blockiert, schwindet der Urlaubsspaß schnell. Viele bessere Hotels berichten, dass ihre Gäste immer häufiger den ganzen Tag im Hotel bleiben, weil sie keine Lust auf die überfüllten Strände und Gassen haben. Das widerspricht dem eigentlichen Zweck eines Aufenthalts an der Amalfiküste.

Forderung 3: Einführung eines Besucherkontingents oder einer Touristensteuer für Tagesgäste

Die dritte Forderung der Einheimischen ist pragmatischer: Sie wollen, dass die Politik ein Besucherkontingent für die besonders beliebten Orte einführt. Ähnlich wie in manchen Nationalparks soll die Zahl der Menschen, die an einem Tag in die Altstadt von Positano oder auf die Terrasse von Ravello dürfen, begrenzt werden. Gleichzeitig fordern viele Bewohner eine spezielle Touristensteuer für Kreuzfahrtpassagiere. Das Geld könnte dann in die Instandhaltung der Infrastruktur und die Sauberkeit der Strände fließen. Bisher zahlen die Tagesgäste kaum etwas – sie nutzen die öffentlichen Toiletten, die Straßen und die Aussichtspunkte, ohne einen finanziellen Beitrag zu leisten.

Die Politiker vor Ort sind sich einig, dass etwas passieren muss. Der Ruf der Küstenregion als natürliche Schönheit mit dem Reiz des italienischen Lebensgefühls „la dolce vita“ steht auf dem Spiel. Wenn die Amalfiküste ihren Charme verlieren soll, weil sie nur noch aus Menschenmassen besteht, dann verlieren am Ende alle – die Einheimischen, die Hotelgäste und auch die Kreuzfahrtbranche selbst.

Weil Kreuzfahrten zum Problem werden: Die Ankerplätze sind voll

Warum genau werden Kreuzfahrtschiffe für den Massentourismus an der Amalfiküste verantwortlich gemacht? Die Antwort liegt in der schieren Menge. Ein einziges mittelgroßes Kreuzfahrtschiff kann bis zu 3.000 Passagiere an Bord haben. Wenn drei oder vier solcher Schiffe an einem Tag an der Küste ankern, kommen mehr als 10.000 Menschen auf einmal an Land. Das ist mehr als die doppelte Einwohnerzahl von Amalfi, der größten Stadt an der Küste. Diese Menschenmassen verteilen sich dann auf die kleinen Orte, die kaum Platz bieten.

Das Problem wird noch verstärkt durch die Art und Weise, wie die Kreuzfahrten organisiert sind. Die Schiffe legen meist in Salerno oder Neapel an, von wo aus die Passagiere mit Bussen oder Fähren zur Amalfiküste gebracht werden. Das führt nicht nur zu überfüllten Straßen, sondern auch zu langen Staus auf der berühmten Küstenstraße SS163, die ohnehin schon zu den engsten und kurvenreichsten Straßen Italiens zählt. An Spitzentagen ist die Straße komplett verstopft. Feuerwehr und Rettungsdienste haben Schwierigkeiten, durchzukommen. Einheimische brauchen für Strecken, die normalerweise 20 Minuten dauern, manchmal zwei Stunden. Die Lebensqualität leidet massiv.

Massentourismus nimmt Überhand: Von Ischia bis Korsika

Die Wut auf Kreuzfahrturlauber wächst nicht nur an der Amalfiküste. Ähnliche Probleme gibt es in nahegelegenen Regionen, wo die Menschen ebenfalls unter der Überlastung leiden. Ein Beispiel ist die Insel Ischia, die nur etwa 50 Kilometer von der Amalfiküste entfernt im Golf von Neapel liegt. Die dortige Küstenwache registrierte an einem einzigen Wochenende mehr als 28.000 Passagiere, die innerhalb von nur 48 Stunden von ihren Schiffen auf die Vulkaninsel kamen. Ischia hat rund 67.500 Einwohner – an diesem Wochenende kamen also fast ein halber zusätzlicher Ort an Touristen dazu. Die Strände waren überfüllt, die Restaurants hatten keine Kapazitäten mehr, und die Bewohner fühlten sich wie in einer belagerten Festung.

Auch in Frankreich eskalierte die Situation kürzlich. Im vergangenen Monat blockierten Fischer vor Korsika mehrere Kreuzfahrtschiffe, damit die Touristen nicht an Land gehen konnten. Die Fischer protestierten gegen die Zerstörung der Meeresumwelt durch die großen Schiffe und gegen die Überflutung ihrer kleinen Häfen. Die Blockade war ein Symbol des Widerstands gegen eine Tourismusform, die von vielen Küstenbewohnern als rücksichtslos und unkontrolliert empfunden wird.

Diese Beispiele zeigen, dass es sich nicht um ein isoliertes Problem an der Amalfiküste handelt. Es ist ein Phänomen, das den gesamten Mittelmeerraum betrifft. Immer mehr Menschen reisen mit Kreuzfahrtschiffen, immer mehr Schiffe werden gebaut, und immer mehr beliebte Ziele werden von den Touristenströmen überrollt. Die Politik versucht zu beschwichtigen, aber die Bewohner fordern Taten.

Die Politik versucht zu beschwichtigen – doch die Wut bleibt

Man arbeite an Lösungen, heißt es von offizieller Seite. Die Möglichkeiten seien jedoch begrenzt, weil die Kreuzfahrtindustrie eine starke Lobby hat und weil die Häfen von Salerno und Neapel wirtschaftlich von den Anläufen abhängen. Schon im vergangenen Jahr trafen sich Vertreter mehrerer Urlaubsorte zu einem Krisengipfel, um über Maßnahmen gegen den Massentourismus zu beraten. Doch geändert hat sich nichts. Die Wut auf die Kreuzfahrtschiffe und ihre Passagiere wächst weiter.

Politiker Salvatore Gagliano hat mit seiner Forderung nach einem Verbot für Passagiere, an Land zu gehen, eine klare Position bezogen. Er weiß, dass diese Forderung radikal ist und auf Widerstand stoßen wird. Aber er argumentiert, dass die Region an einem Wendepunkt stehe. Entweder man ergreife jetzt drastische Maßnahmen, oder die Amalfiküste verliere ihren Zauber für immer. Der Ruf der Küstenregion als natürliche Schönheit sei akut bedroht.

Auch die Hoteliers sind alarmiert. Sie fürchten, dass die Stammgäste ausbleiben, wenn die Überfüllung anhält. Viele Gäste, die für eine Woche oder länger buchen, sind enttäuscht, wenn sie vor lauter Menschen die Schönheit der Küste nicht genießen können. Sie beschweren sich über Lärm, Müll und die langen Wartezeiten an den Sehenswürdigkeiten. Einige haben bereits angekündigt, nächstes Jahr lieber weniger bekannte Ziele in Süditalien zu besuchen, wo sie mehr Ruhe finden.

Was gegen ein Verbot spricht: Die wirtschaftliche Bedeutung der Kreuzfahrtbranche

Die Forderungen der Bewohner stoßen jedoch auf harte wirtschaftliche Realitäten. Der weltweit größte Fachverband der Kreuzfahrtindustrie, die Cruise Lines International Association, argumentiert mit schlagkräftigen Zahlen: Die Kreuzfahrtbranche trägt jährlich mit 7,3 Milliarden Euro zum italienischen Bruttoinlandsprodukt bei und sichert mehr als 100.000 Arbeitsplätze. Italiens Häfen sind wichtige Drehkreuze für Kreuzfahrten im Mittelmeer. Allein der Hafen von Neapel verzeichnet jedes Jahr Hunderttausende Kreuzfahrtpassagiere.

Ein komplettes Verbot für Passagiere, an Land zu gehen – wie von Gagliano gefordert – würde einen massiven Einschnitt bedeuten. Die Reedereien würden wahrscheinlich ihre Routen ändern und andere Häfen anlaufen. Die wirtschaftlichen Verluste für die Region Kampanien wären enorm. Auch viele kleine Geschäfte und Restaurants in den Hafenstädten profitieren von den Kreuzfahrturlaubern, auch wenn sie an der Amalfiküste selbst weniger ausgeben.

Das Dilemma ist offensichtlich: Einerseits wollen die Bewohner die Überfüllung stoppen und die Lebensqualität bewahren, andererseits ist die Region wirtschaftlich von den Touristen abhängig. Die Frage ist, wie man die Balance findet. Eine mögliche Lösung könnte eine Besucherlenkung sein: weniger Schiffe an einem Tag, zeitliche Entzerrung und höhere Gebühren für die Tagesgäste. Aber bisher fehlt der politische Wille, solche Maßnahmen konsequent umzusetzen.

Wie geht es weiter an der Amalfiküste?

Trotz der angespannten Situation suchen die Bewohner nach einem gangbaren Weg. Einige Lokalpolitiker plädieren für eine Art „Kreuzfahrtkalender“, der die Ankünfte der Schiffe über die Woche verteilt. Andere fordern, dass die Schiffe nur noch in Salerno anlegen dürfen und die Passagiere von dort aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiterreisen müssen – um die Straßen zu entlasten. Wieder andere wollen eine Sondersteuer für jedes Schiff, das an der Küste ankert, um die Einnahmen direkt in Umweltschutz und Infrastruktur zu investieren.

Die Situation ist ein Spiegelbild des weltweiten Problems des Overtourism. Immer mehr beliebte Reiseziele suchen nach Wegen, die Massen zu regulieren, ohne die Wirtschaft abzuwürgen. Die Amalfiküste ist dabei ein besonders prominentes Beispiel, weil ihr Charme so fragil ist. Die engen Gassen, die steilen Treppen und die empfindliche Natur vertragen einfach keine Massen von Tausenden von Menschen pro Tag.

Falls Sie planen, eine Kreuzfahrt zu buchen, die einen Stopp an der Amalfiküste beinhaltet, überlegen Sie genau, ob Sie wirklich von Bord gehen wollen. Die Erfahrung kann ernüchternd sein: Statt eines entspannten Spaziergangs durch malerische Dörfer erwartet Sie häufig Gedränge und Hektik. Vielleicht ist es besser, einen alternativen Landausflug zu wählen, der weniger überlaufene Ziele ansteuert. Oder Sie bleiben an Bord und genießen den Blick auf die Küste vom Meer aus – aus der Ferne wirkt sie noch immer wie eine Postkarte.

Die Hoteliers hoffen, dass die Politik bald handelt. Denn wenn die Amalfiküste weiterhin von Tagestouristen überrannt wird, verlieren am Ende alle: die Bewohner, die Hotelgäste und die Kreuzfahrtbranche selbst. Der Ruf der Region als Traumziel in Europa steht auf dem Spiel. Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen endlich einen Weg finden, die Schönheit der Amalfiküste zu bewahren, ohne sie für immer zu verlieren.

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