Franz Wagner live dabei: Alba Berlin erzwingt den Ausgleich im Playoff-Viertelfinale gegen Rasta Vechta. Gut 7800 Zuschauer in der ausverkauften Uber Arena erlebten am Dienstagabend einen Basketballkrimi, der bis zur letzten Sekunde spannend blieb. Mit 90:85 setzten sich die Berliner gegen die Gäste aus Vechta durch und glichen die Best-of-Five-Serie zum 1:1 aus. Auf der Tribüne: NBA-Star Franz Wagner, der die Partie seines Ex-Klubs hautnah verfolgte. Für Alba war es nicht nur ein Sieg, sondern ein Befreiungsschlag nach dem enttäuschenden Auftaktspiel – und für Trainer Pedro Calles das Ende einer langen Leidenszeit.

Franz Wagner als Zuschauer: Inspirationsquelle für Ex-Team?
Dass ein aktueller NBA-Profi wie Franz Wagner ein BBL-Playoff-Spiel besucht, ist keine Selbstverständlichkeit. Der 24-Jährige, der bei den Orlando Magic unter Vertrag steht, nutzte die spielfreie Zeit in Nordamerika für einen Besuch in seiner Heimatstadt. Wagner durchlief selbst die Jugendabteilung von Alba Berlin, bevor er 2021 in die NBA wechselte. Seine Anwesenheit in der Uber Arena war ein starkes Signal: Der Weltmeister von 2023 identifiziert sich weiterhin mit dem Klub, der ihn geprägt hat. Die Spieler auf dem Feld spürten diese besondere Atmosphäre. „Wenn jemand wie Franz zusieht, will man sich natürlich von der besten Seite zeigen“, kommentierte ein sichtlich erleichterter Martin Hermannsson nach dem Spiel. Wagners Präsenz allein garantierte zwar noch keine Punkte, aber sie verlieh dem Abend eine zusätzliche emotionale Note. Für viele Fans war es zudem eine Gelegenheit, einen der erfolgreichsten deutschen Basketballer aller Zeiten aus nächster Nähe zu sehen.
Warum war Franz Wagner beim Spiel?
Die Frage liegt nahe: Warum besucht ein NBA-Star ein Viertelfinale der BBL? Die Antwort ist simpel, aber herzerwärmend. Wagner ist in Berlin aufgewachsen, hat bei Alba das Basketballspielen gelernt und fühlt sich dem Verein bis heute verbunden. In der Sommerpause oder in Phasen ohne NBA-Verpflichtungen sucht er regelmäßig den Kontakt zu seinen ehemaligen Weggefährten. Sein Besuch beim zweiten Playoff-Spiel war nicht nur ein privater Abstecher, sondern auch eine Geste der Wertschätzung gegenüber der eigenen sportlichen Heimat. Dass das Spiel ausgerechnet ein so dramatischer Krimi wurde, machte den Abend für ihn sicherlich unvergesslich – und für die Zuschauer zu einem echten Highlight.
Geht das schon wieder los?! – Tevin Brown startet furios
Das Spiel begann mit einem Schockmoment für die Berliner. Nach nur 38 Sekunden traf Vechtas Topscorer Tevin Brown den ersten Dreier. „Geht das schon wieder los?!“, werden sich viele der 7843 Zuschauer gedacht haben. Brown war bereits beim ersten Viertelfinale mit 30 Punkten der überragende Akteur gewesen und hatte Alba damals in der zweiten Halbzeit auseinandergenommen. Und auch diesmal zeigte er früh, dass er in Topform ist. Im ersten Viertel allein sammelte Brown 14 Punkte – ein Wert, der beunruhigende Erinnerungen an die 103:89-Niederlage vom Sonntag weckte. Die Gäste aus Vechta spielten befreit auf, während Alba sichtlich um die richtige Abstimmung kämpfte. Die Defense stand nicht entschlossen genug, und offensiv fehlte die Durchschlagskraft unter dem Korb.
Abgetaucht! Browns Punkteausfall nach starkem Start
Doch dabei bleibt es für lange Zeit. Nach diesem furiosen ersten Viertel verpuffte Browns Wirkung zusehends. Alba stellte die Verteidigung um, ließ Brown kaum noch Raum für saubere Abschlüsse. Die Folge: Brown blieb im zweiten Viertel ohne Punkt, im dritten Viertel kamen nur zwei mickrige Zähler hinzu. Sein gesamtes Punktekonto für die Partie belief sich am Ende auf 16 Zähler – ein Wert, der angesichts seines starken Starts wie eine Enttäuschung wirkt. Der Leistungseinbruch war vor allem auf eine konsequentere Defensivarbeit der Berliner zurückzuführen. Center und Flügelspieler wechselten sich ab, um Brown zu attackieren, ihn von seinen bevorzugten Wurfpositionen zu drängen und ihm den Rhythmus zu nehmen. Dieser taktische Schachzug von Trainer Pedro Calles ging voll auf und war einer der Schlüssel zum Erfolg. Brown fand kein Mittel mehr gegen die aggressive Doppeldeckung, und Vechta verlor damit seinen wichtigsten Angriffsmechanismus.
Es folgt ein ganz starkes drittes Viertel – Agbakoko hebt ab
Nach einer ausgeglichenen ersten Halbzeit (42:38 für Alba) zeigte Alba im dritten Viertel seine bislang beste Leistung der Serie. Die Mannschaft spielte mit einer Intensität und Entschlossenheit, die man ihr in den Playoffs zuvor vermisst hatte. Angeführt wurde diese Aufholjagd von Center Norris Agbakoko. Der athletische Big Man erzielte insgesamt 15 Punkte, darunter einen spektakulären Dunk nach einem Assistent von Martin Hermannsson, der Alba erstmals auf +10 stellte (48:38, 22. Minute). Die Uber Arena tobte. Agbakoko zeigte nicht nur auf der Offensivseite seine Klasse, sondern auch in der Defense: Er blockte Würfe, sicherte Rebounds und gab Vechtas Innenverteidigung keine Chance. Alba baute die Führung kontinuierlich aus, bis zur 30. Minute auf 68:51 – ein komfortables Polster von 17 Punkten. Es schien, als könnte die Partie schon früh entschieden sein.
Norris Agbakoko – Der athletische X-Faktor
Agbakokos Entwicklung ist ein Paradebeispiel dafür, wie Alba Berlin auf junge Talente setzt. Der 23-Jährige, der in den USA geboren wurde und in Deutschland aufwuchs, hat sich in dieser Saison zu einer festen Größe in der Rotation entwickelt. Sein Dunk zur 10-Punkte-Führung war nicht nur ein ästhetisches Highlight, sondern auch ein psychologischer Schlag ins Gesicht der Gäste. Vechta war in der Zone gegen Agbakoko schlichtweg machtlos. Er zog Fouls, traf seine Freiwürfe und zeigte eine Präsenz unter dem Korb, die Albas Offensive enorm beflügelte. Agbakoko selbst blieb nach dem Spiel bescheiden: „Wir haben heute als Team agiert, jeder hat seinen Part erfüllt. Der Dunk war schön, aber das wichtigste war der Sieg.“
Malte Delow – Stabilisator im Rückkehrer-Status
Ein weiterer Grund für Albas starke Performance war die Rückkehr von Malte Delow. Der 25-Jährige hatte am Samstag im Training einen Schlag gegen den Kopf kassiert und war beim ersten Viertelfinale wegen einer Gehirnerschütterung ausgefallen. Seine Abwesenheit war deutlich spürbar gewesen: Alba hatte defensive Lücken gezeigt und offensiv die nötige Ordnung vermisst. Gegen Vechta war Delow zurück und stabilisierte sofort das Spiel. Er dirigierte die Defense, traf wichtige Entscheidungen in der Offensive und sorgte für die nötige Ruhe, als Vechta im Schlussviertel noch einmal aufkam. Delows Wert für das Team lässt sich kaum in Zahlen bemessen. Seine Präsenz auf dem Feld gibt seinen Teamkollegen das Vertrauen, dass die Abläufe sitzen. „Malte gibt uns eine andere Sicherheit. Er kann Spiele lesen und ist in der Defense extrem wertvoll“, lobte ein Alba-Verantwortlicher nach der Partie. Ohne ihn hätte der Sieg womöglich anders aussehen können.
Weil aber Tommy Kuhse aufdreht – Zittern im Schlussviertel
Doch so souverän Alba im dritten Viertel agierte, im letzten Abschnitt wendete sich das Blatt erneut. Vechta gab sich nicht geschlagen. Point Guard Tommy Kuhse, der bis dahin unauffällig geblieben war, übernahm plötzlich die Regie und drehte richtig auf. Mit aggressiven Antritten zum Korb und cleveren Pässen brachte er die Berliner Defense ins Wanken. In wenigen Minuten schmolz der 17-Punkte-Vorsprung dahin, die Gäste kamen bis auf 81:83 heran. Die Uber Arena, die noch Minuten zuvor in Ekstase getobt hatte, wurde still. Alba schien die Kontrolle zu verlieren. Es war die Phase, in der ein Team wie Vechta die Serie hätte kippen können. Die Frage war: Würde Alba erneut einbrechen wie im ersten Spiel?
Hermannsson bewahrt die Nerven an der Freiwurflinie
In diesem Moment der höchsten Anspannung zeigte Martin Hermannsson seine Klasse. Der isländische Guard, der bereits in dieser Saison mehrfach nervenstark war, nahm den Ball in die Hand. Beim Stand von 83:81 für Alba zog er ein Foul, trat an die Freiwurflinie – und versenkte beide Würfe eiskalt. „In diesen Situationen zählt nur der nächste Wurf. Ich habe versucht, ruhig zu bleiben und mir nichts anderes zu denken“, sagte Hermannsson später. Mit seinen Punkten brachte er Alba wieder auf 85:81, und das gab der Mannschaft die nötige Sicherheit. Dann folgte der entscheidende Moment: 13 Sekunden vor Spielende traf Justin Bean einen Dreier zum 88:83 – die Vorentscheidung. Bean, der bis dahin eine unauffällige Partie gespielt hatte, bewies im richtigen Moment seine Qualität. Der Treffer nahm Vechta endgültig die Hoffnung. Alba rettete den 90:85-Sieg über die Zeit und sicherte sich den wichtigen Ausgleich in der Serie.
Tevin Brown wie verwandelt – Die Niederlage von Vechta hat System
Für Rasta Vechta war die Niederlage bitter, aber sie zeigte auch die Abhängigkeit von Tevin Brown. Nach seinem furiosen Start und dem starken ersten Viertel brach Brown ein und fand keine Mittel mehr gegen Albas angepasste Defense. Sein Kollege Tommy Kuhse war allein nicht in der Lage, das Spiel komplett zu drehen. Vechta muss sich nun auf Spiel drei einstellen und eine Lösung für die aggressive Verteidigung von Alba finden. Trainer Ty Harrelson wird die Lehren aus diesem Spiel ziehen müssen: Zu viele Ballverluste und eine schwache Quote im dritten Viertel waren letztlich entscheidend. „Wir haben heute nicht die Energie gezeigt, die wir brauchen. Alba war einfach hungriger“, gab ein frustrierter Vechta-Spieler zu Protokoll. Die Serie bleibt offen, aber Vechta weiß nun, dass Alba zuhause eine Macht ist.
Mit dem Sieg hat Albas Coach Pedro Calles seine schwarze Playoff-Serie endlich beendet
Dieser Triumph war für einen Mann im Berliner Team von besonderer Bedeutung: Trainer Pedro Calles. Der Spanier hatte vor diesem Spiel die letzten 16 Playoff-Spiele seiner Karriere in Folge verloren – eine schwarze Serie, die auf ihm lastete. Ob als Interimstrainer oder als Chefcoach, Calles konnte in der Postseason einfach nicht gewinnen. Diese Negativserie zog sich bereits seit mehreren Jahren durch unterschiedliche Stationen. Gegen Vechta riss die Serie nun endgültig. Calles war nach dem Spiel emotional, aber sachlich zugleich: „Wir haben heute als Team gekämpft und gezeigt, was in uns steckt. Die Serie ist noch nicht vorbei, aber dieser Sieg tut uns allen gut.“ Der Erfolg ist ein wichtiger psychologischer Schub für die Mannschaft, die nun mit einem gestärkten Selbstbewusstsein in die Auswärtspartie am Freitag reisen kann. Calles wird daran gemessen, ob er diese Leistung konstant abrufen kann. Ein Sieg allein macht noch keine erfolgreiche Playoff-Serie, aber er ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer möglichen Titelverteidigung.
Was bedeutet dieser Sieg für Trainer Pedro Calles?
Für Pedro Calles persönlich ist der Sieg eine Befreiung. Kein Trainer wird gerne mit einer solchen Schattenseite der Statistik assoziiert. Dass er ausgerechnet im prestigeträchtigsten Spiel der Saison den Bann brechen konnte, stärkt seine Position im Klub. Doch Calles wäre der falsche Mensch, wenn er sich auf diesem Erfolg ausruhen würde. Die Serie gegen Vechta ist weiterhin offen, das dritte Spiel in der Weser-Ems-Halle wird eine neue Herausforderung. Calles muss seine defensiven Konzepte weiterentwickeln und sicherstellen, dass der Fokus nicht nachlässt. Der Sieg gegen Vechta war ein Teamerfolg, aber die Führungsrolle des Trainers war dabei unübersehbar. Er stellte taktisch gut um, nahm tote Zeiten früh mit Time-outs und hielt die Mannschaft bei Laune, als die Führung im letzten Viertel schmolz. Calles hat gezeigt, dass er auch in Drucksituationen die richtigen Entscheidungen trifft. Jetzt geht es darum, diesen Schwung mitzunehmen.
Ausblick auf Spiel drei – alles offen im Best-of-Five
Am Freitag (18.30 Uhr, Dyn live) geht es in der Vechtaer Halle weiter. Die Serie steht 1:1, die Ausgangslage ist also denkbar spannend. Alba hat gezeigt, dass sie Heimvorteil nutzen können, aber Vechta wird vor eigenem Publikum sicherlich mit einer entsprechenden Reaktion kommen. Die Berliner müssen ihre Defensivleistung aus dem dritten Viertel konservieren und gleichzeitig verhindern, dass Tevin Brown wieder in Fahrt kommt. In Vechta ist die Halle traditionell laut und unangenehm für Gäste. Alba muss sich auf eine emotionale Atmosphäre einstellen, die junge Spieler wie Agbakoko oder Hermannsson unter Druck setzen kann. Die Erfahrung von Spielern wie Delow oder Mattisseck wird hier besonders gefragt sein. Alba ist gewarnt: Vechta hat eine starke erste Halbzeit in Berlin gespielt und nur durch eine Schwächephase den Anschluss verloren. In der eigenen Halle könnte Vechta noch gefährlicher sein. Die Serie ist offen, Qualität und Momentum könnten den Unterschied machen. Die Fans beider Lager dürfen sich auf ein weiteres intensives Playoff-Spiel freuen – und vielleicht ist Franz Wagner dann erneut live dabei, wenn auch aus der Ferne.




