Große Trauer um Emanuel Raasch: Der Radsport verliert eine Legende
Große Trauer in der Radsportwelt: Emanuel Raasch, dreimaliger Vizeweltmeister im Bahnsprint, ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Die Nachricht, dass Emanuel Raasch gestorben ist, hat die gesamte Szene tief getroffen. Der gebürtige Magdeburger, der in Berlin lebte, kämpfte in den letzten Monaten mit schweren Herzproblemen. Seit Anfang Mai wurde er medizinisch durch eine Art zweites Herz von außen unterstützt. Doch diese Maßnahme konnte sein Leben nicht mehr retten. Der Radsport trauert um einen Athleten, der über Jahrzehnte Maßstäbe setzte und dessen Karriere ebenso von Triumphen wie von unerfüllten Träumen geprägt war.

Der ewige Zweite: Dreimal Vizeweltmeister im Sprint
Zwischen 1977 und 1979 stand Emanuel Raasch dreimal hintereinander im Finale der Sprint-Weltmeisterschaft – und verlor jedes Mal. Diese Serie machte ihn zum Inbegriff des „ewigen Zweiten“. Dennoch zollten ihm Konkurrenten und Kenner höchsten Respekt. Wer dreimal in Folge auf dem Podest der Weltmeisterschaft stand, gehörte zur absoluten Weltspitze.
Seine Gegner in diesen Finals waren keine Geringeren als Jürgen Geschke, Anton Tkac und Lutz Heßlich – drei Namen, die die Geschichte des Bahnsprints prägten. Vor allem gegen Heßlich, den späteren Doppel-Olympiasieger, lieferte Raasch packende Duelle. Der dritte Platz im Sprint-WM-Finale 1979 ging an Christian Drescher, sodass die DDR bei jener WM in Amsterdam das gesamte Podium stellte. Ein Bild der Dominanz, das die Stärke des DDR-Bahnsports eindrucksvoll belegte.
Neben den drei Silbermedaillen gewann Raasch außerdem zweimal Bronze im 1000-Meter-Zeitfahren, 1975 und 1982. Diese Erfolge in einer zweiten Disziplin zeigen seine Vielseitigkeit auf der Bahn. Er war nicht nur ein explosiver Sprinter, sondern besaß auch die Kraft für die längere, taktisch anspruchsvolle Zeitfahrstrecke. Damit sicherte er sich einen festen Platz in der internationalen Elite des Bahnradsports.
Zwei WM-Bronzemedaillen im 1000-Meter-Zeitfahren
Das Zeitfahren über 1000 Meter galt lange als Königsdisziplin für Spezialisten mit hohem Durchhaltevermögen. Emanuel Raasch bewies auf dieser Strecke ebenfalls Weltklasse-Niveau. 1975 und 1982 erkämpfte er sich jeweils die Bronzemedaille. Diese beiden Podestplätze unterstreichen, dass Raasch keineswegs nur ein Sprinter war, sondern über ein außergewöhnliches physisches Fundament verfügte. Insgesamt holte er damit fünf WM-Medaillen – eine Bilanz, die nur die wenigsten Fahrer ihrer Zeit vorweisen konnten.
Goldenes Tandem: Der Weltmeistertitel 1991 mit Eyk Pokorny
Nach der politischen Wende in Deutschland gelang Emanuel Raasch ein spätes, umso strahlenderes Highlight. 1991 wurde er in Stuttgart gemeinsam mit Eyk Pokorny Weltmeister im Tandem-Fahren. Diese Disziplin, bei der zwei Fahrer auf einem speziellen Rad gemeinsam sprinten, ist inzwischen aus dem WM-Programm gestrichen worden. Umso wertvoller ist dieser Titel heute. Er bewies, dass Raasch auch jenseits des Einzelsprints teamfähig war und sich auf einen Partner einstellen konnte.
Eyk Pokorny erinnert sich bewegend an diese gemeinsame Zeit: „Unsere Idole sterben weg. Ich wusste von seiner Herzgeschichte. Ich bin todtraurig. Ich behalte die ganzen schönen Erinnerungen im Kopf.“ Die Zusammenarbeit zwischen dem erfahrenen Raasch und dem jüngeren Pokorny funktionierte auf Anhieb. Bei Pokornys 50. Geburtstag waren alle Weggefährten noch einmal versammelt – heute sind zwei von ihnen nicht mehr da. „Das ist bitter“, sagt Pokorny.
Ein unerfüllter Olympia-Traum
Trotz aller Erfolge auf der Weltbühne blieb Olympia für Emanuel Raasch die große Lücke in seiner Karriere. 1976 in Montreal war Jürgen Geschke zu stark. 1980 in Moskau und 1988 in Seoul stand Lutz Heßlich jeweils auf dem obersten Treppchen – und Raasch erneut im Schatten. 1984 boykottierte die DDR die Spiele von Los Angeles, sodass auch dieser Olympia-Zyklus ohne Chance für ihn blieb. Als das Tandem 1992 in Barcelona olympisch hätte sein können, war Raasch bereits 41 Jahre alt und seine aktive Karriere fast beendet. So blieb die Ringe-taugliche Medaille der große Traum, der nie in Erfüllung ging.
Dennoch: Das Olympia-Aus 1980 gegen Heßlich war von besonderer Dramatik. Bei der DDR-Hallenmeisterschaft, die als Qualifikation für Moskau diente, stand es nach zwei Läufen 1:1. Der dritte Durchgang endete mit einem toten Rennen – beide Fahrer zeitgleich im Ziel. Erst im vierten Lauf musste Raasch sich geschlagen geben. Heßlich erinnert sich, wie er eine von Raasch trainierte Welle auf der Bahn erkannte, die diesen aus dem Tritt bringen sollte. Er konterte taktisch klug und entschied das Duell für sich. Solche Geschichten zeigen das hohe taktische Niveau, auf dem sich die beiden Sprint-Größen damals bewegten.
Vom Sportler zum Mentor: Trainerstationen nach der Karriere
Nach seinem offiziellen Karriereende 1995 blieb Emanuel Raasch dem Radsport als Trainer treu. Die längste und prägendste Zusammenarbeit verband ihn mit Robert Förstemann, mit dem er 15 Jahre lang arbeitete. Förstemann wurde unter Raaschs Anleitung 2010 Weltmeister im Teamsprint und gewann 2012 in London Olympia-Bronze in derselben Disziplin. Das Duo bildete über Jahre eine feste Größe im deutschen Bahnsprint.
Förstemann beschreibt Raasch als einen Coach, der selbst im Training noch Maßstäbe setzte. „Er war ein Coach, der fit war. Einem Athleten sagte er: ‚Wir fahren gemeinsam und wenn ich schneller bin als du, trainiere ich dich nicht mehr.‘ Er war schneller und die Karriere des Sportlers war zu Ende.“ Diese Anekdote zeigt Raaschs eigenen körperlichen Zustand: Noch mit 70 Jahren sah er aus wie 50, trainierte intensiv und war seinen Schützlingen nicht selten überlegen. Sein extremer Lebensstil – diszipliniert, aber auch fordernd – prägte seine Trainingsphilosophie.
Der unermüdliche Kämpfer: Vom Radsport zum Bodybuilding
Emanuel Raasch konnte einfach nicht vom Sport lassen. Nach dem Ende seiner Bahnkarriere entdeckte er das Bodybuilding für sich – und das mit beachtlichem Erfolg. 2011 gewann er die Deutsche Meisterschaft in der Klasse „Body over 50“, 2019 wiederholte er diesen Erfolg bei der Ostdeutschen Meisterschaft in derselben Altersklasse. Sein Körper blieb sein Instrument, das er mit eisernem Willen formte.
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Doch nicht nur im Bodybuilding war er aktiv. Mit Mitte 50 trat er noch einmal bei den Deutschen Bahnradmeisterschaften in der Sprint-Qualifikation an. Er wurde nicht Letzter, sondern ließ zwei Fahrer hinter sich, die seine Söhne hätten sein können. Solche Auftritte zeigen seine unbändige Freude am Wettkampf – ein Antrieb, der ihn zeit seines Lebens nicht verließ. Sogar im Kino hinterließ er eine Spur: 1998 spielte er eine Nebenrolle in Tom Tykwers Film „Lola rennt“. Ein weiterer Beleg für seine Vielseitigkeit.
Ein schwarzer Fleck: Dopingfälle unter seiner Ägide
Wie viele große Karrieren im Radsport der damaligen Zeit ist auch die von Emanuel Raasch nicht frei von Schattenseiten. Mehrere seiner Schützlinge wurden des Dopings überführt. Der auffälligste Fall ist der von Barry Forde aus Barbados, der unter Raaschs Anleitung gleich zweimal positiv getestet und später lebenslang gesperrt wurde. Diese Vorfälle belasten das Vermächtnis des Trainers und werfen Fragen auf.
Es wäre zu einfach, Raasch persönlich für die Entscheidungen seiner Athleten verantwortlich zu machen. Dennoch bleibt dieser Punkt ein wichtiger Bestandteil seiner Geschichte. Die Diskussion über Doping im Radsport, besonders im Zusammenhang mit dem DDR-System, ist komplex. Raasch selbst war als aktiver Fahrer nie in Dopingfälle verwickelt, doch als Trainer geriet er in dieses Spannungsfeld. Der Fall Forde illustriert die Schwierigkeiten, mit denen der gesamte Sport bis heute kämpft.
Organisierte Übersicht: Die Erfolge von Emanuel Raasch auf einen Blick
| Jahr | Wettbewerb | Disziplin | Medaille |
|---|---|---|---|
| 1975 | Weltmeisterschaft | 1000 m Zeitfahren | Bronze |
| 1977 | Weltmeisterschaft | Sprint | Silber |
| 1978 | Weltmeisterschaft | Sprint | Silber |
| 1979 | Weltmeisterschaft | Sprint | Silber |
| 1982 | Weltmeisterschaft | 1000 m Zeitfahren | Bronze |
| 1991 | Weltmeisterschaft | Tandem (mit Pokorny) | Gold |
Erinnerungen der Wegbegleiter: Lutz Heßlich und Eyk Pokorny
Die Trauer um Emanuel Raasch ist besonders groß bei jenen, die ihn jahrzehntelang begleitet haben. Lutz Heßlich, der große Rivale und spätere Freund, sagte in einem Interview: „Erst der Dicke, dann Emu, da wird mir mulmig ums Herz. Ich habe zwei Freunde verloren, die mir sehr wichtig waren und mich einen Großteil meines Lebens begleitet haben, mit vielen schönen Episoden und Kämpfen. Wenn man lange verheiratet ist, tut es genauso weh.“ Die Worte von Heßlich zeigen die emotionale Tiefe dieser verlorenen Freundschaft. Vor etwa eineinhalb Jahren war bereits Michael Hübner, genannt „Der Dicke“, gestorben. Heßlich, Raasch und Hübner bildeten jahrzehntelang das Dreigestirn des DDR-Bahnsprints, das die Sprintwelt der 70er und 80er Jahre dominierte.
Auch Eyk Pokorny, der Partner des goldenen Tandems von 1991, trauert. Seine Erinnerungen sind von Dankbarkeit und Wehmut geprägt. Die gemeinsame Zeit auf dem Tandem war für beide ein Höhepunkt der Karriere. Pokorny betont, dass das Training mit Raasch stets Freude gemacht habe – eine Aussage, die den menschlichen Umgang des Verstorbenen unterstreicht.
Robert Förstemann, der langjährige Schützling, traf Raasch noch kurz vor dessen Tod im Fitnessstudio. Er wusste von den Herzproblemen, doch Raasch überspielte sie. „Er war 70, sah aber aus wie 50 oder 45. Das war schon beeindruckend“, erinnert sich Förstemann. Diese Vitalität machte Raasch aus – ein Kämpfer bis zur letzten Sekunde.
Die drei Dominatoren der Sprintwelt – Hübner, Heßlich, Raasch – sind nun nur noch zwei. Der Radsport verliert mit Emanuel Raasch einen Athleten, der niemals aufgab, der trotz aller Rückschläge immer weitermachte und der auch abseits der Bahn seinen eigenen Weg ging. Sein Vermächtnis bleibt: ein ewiger Zweiter, der in den Herzen der Fans und Weggefährten den ersten Platz verdient hat.




