Schurken-Gipfel in Peking: Wie sehr mag Xi Putin wirklich?

Putin als Bittsteller in Peking

Putin reist nach Peking, um Xis Hilfe zu erbitten – doch China hat eigene strategische Interessen. Nur wenige Tage nach dem Besuch von Donald Trump in der chinesischen Hauptstadt empfängt Xi Jinping den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die Bilder der Begrüßung auf dem Flughafen von Peking zeigen einen Mann, der trotz aller Inszenierung seiner Macht als Bittsteller kommt. Die Inszenierung wirkt vertraut: roter Teppich, Ehrenformation, diplomatische Höflichkeiten. Doch hinter der Fassade verbirgt sich eine Beziehung, die von einem grundlegenden Ungleichgewicht geprägt ist. Russland gilt in dieser Schurken-Beziehung zu China schon länger als der Junior-Partner. Putin ist abhängig – wirtschaftlich, diplomatisch und strategisch. Er braucht seinen östlichen Nachbarn, um seine angeschlagene Wirtschaft am Leben zu erhalten. Und er möchte Xis Hilfe im Ukraine-Krieg, ein Wunsch, den Peking bisher nur sehr selektiv erfüllt hat.

xi putin verhältnis

Die Frage, die sich viele Beobachter stellen, lautet: Wie sehr mag Xi Putin wirklich? Handelt es sich um eine echte Freundschaft zwischen zwei autoritären Herrschern, oder ist dies eine reine Zweckgemeinschaft, bei der jeder seinen eigenen Vorteil sucht? Die Antwort ist komplexer, als es die freundlichen Worte auf den ersten Blick vermuten lassen. Um das wahre Verhältnis zwischen Xi Jinping und Wladimir Putin zu verstehen, muss man die Machtdynamik, die wirtschaftlichen Abhängigkeiten und die geopolitischen Interessen beider Seiten genau analysieren.

Die Inszenierung der Freundschaft

Kurz vor seiner Ankunft pries Putin in einem Video die „enge strategische Partnerschaft“ zwischen den beiden Ländern. Diese spiele „weltweit eine bedeutende, stabilisierende Rolle“, so der russische Präsident, und die Beziehungen hätten „ein wahrhaft beispielloses Niveau“ erreicht. Putin nennt Xi öffentlich einen „lieben Freund“. Solche Worte sind in der diplomatischen Sprache selten und sollen eine besondere Nähe signalisieren. Doch die Frage drängt sich auf: Sind diese Bekenntnisse echt oder eher ein Ausdruck von Putins Schwäche?

Freundschaft als strategisches Narrativ

Die Betonung der Freundschaft dient vor allem einem Zweck: Sie soll Russlands Isolation im Westen kompensieren und nach außen hin demonstrieren, dass Moskau keineswegs allein dasteht. Indem Putin Xi als engen Verbündeten präsentiert, versucht er, ein Gegengewicht zur NATO und zur EU zu schaffen. Gleichzeitig signalisiert er damit der eigenen Bevölkerung: Russland hat mächtige Freunde, die uns unterstützen. Dieses Narrativ ist für Putins Machterhalt im Inland von großer Bedeutung. Die Realität sieht jedoch anders aus: China hat sich in all den Jahren des Ukraine-Kriegs nie zu einer militärischen Unterstützung Russlands durchringen können. Peking hält sich bedeckt, vermeidet jede direkte Parteinahme, die es in einen offenen Konflikt mit dem Westen stürzen könnte. Die freundlichen Worte sind also vor allem ein taktisches Instrument.

Was Putin von Xi erwartet

Moskau setzt auf eine Bestätigung, dass Russland für die Volksrepublik weiter einen „privilegierten Platz“ einnehme, wie Zhao Long von den Shanghai Institutes for International Studies analysiert. Putin braucht Xi wegen der westlichen Sanktionen, die den russischen Energieexport massiv getroffen haben. China ist der weltweit größte Abnehmer russischer fossiler Brennstoffe. Ohne diesen Markt wäre die russische Wirtschaft noch schwerer getroffen. Putin erhofft sich zudem konkrete Zusagen für neue Pipeline-Projekte, die langfristig die Energieabhängigkeit Russlands von Europa endgültig beenden sollen. Die persönliche Beziehung zu Xi ist damit ein zentraler Hebel für Putins Überlebensstrategie. Ohne Chinas Wohlwollen wäre Russlands Position ungleich prekärer.

Die wahren Absichten Chinas im Ukraine-Krieg

Was will Xi im Ukraine-Krieg? Die Antwort überrascht viele im Westen, die China oft als direkten Komplizen Russlands sehen. Tatsächlich unterstützt China Russland im Ukraine-Krieg weniger, als viele glauben. China-Expertin Marina Rudyak vom Zentrum für Ostasienwissenschaften der Universität Heidelberg erklärte im RONZHEIMER-Podcast: „Entscheidend sind für Peking die Stabilität der gemeinsamen, 4000 Kilometer langen Grenze sowie Zentralasiens. Deshalb liegt aus chinesischer Sicht weder ein Sieg noch eine Niederlage Russlands im Interesse.“

Chinas bevorzugtes Szenario: ein geschwächter, aber stabiler Putin

Aus chinesischer Perspektive ist das Idealbild ein geschwächter, aber stabiler Putin. Ein Russland, das die Ukraine besiegt, könnte in seiner östlichen Region neuen Appetit auf Gebietsgewinne entwickeln – etwa in den zentralasiatischen Staaten, die China als seine eigene Einflusssphäre betrachtet. Ein siegreiches, gestärktes Russland wäre für Peking eine potenzielle Bedrohung an der langen gemeinsamen Grenze. Umgekehrt wäre ein Zusammenbruch Russlands katastrophal: Ein instabiles Atomwaffenarsenal, chaotische Verhältnisse an der Grenze und ein Machtvakuum in Zentralasien, das andere Akteure wie die USA oder die Türkei füllen könnten – all das liegt nicht im Interesse Chinas.

Der Ukraine-Krieg als Nebenschauplatz für Peking

Das Thema Ukraine-Krieg dürfte laut Experten bei dem Treffen von Putin und Xi eine untergeordnete Rolle spielen. Für Putin hat dieses Thema Priorität, China hingegen wird wohl nicht zu einem maßgeblichen Akteur eines Friedensprozesses werden. Peking verfolgt eine pragmatische Neutralitätsdoktrin: Man unterstützt Russland verbal, vermeidet jedoch jede Handlung, die als direkte Kriegsbeteiligung oder als offene Parteinahme gegen die Ukraine interpretiert werden könnte. Je länger der Konflikt andauert, desto mehr profitiert China wirtschaftlich – etwa durch neue Handelsbeziehungen und perspektivisch durch den Wiederaufbau der Ukraine. China wartet ab, lässt Russland bluten, stärkt aber zugleich seine eigene Wirtschaft durch günstige Energieimporte und neue Absatzmärkte.

Die Machtdynamik zwischen Xi und Putin

Hinter den freundlichen Worten steckt eine klare Abhängigkeit. Russland ist in dieser Beziehung der abhängige Partner, während China die Zügel in der Hand hält. Diese Asymmetrie wird besonders deutlich, wenn man die wirtschaftlichen und militärischen Potenziale vergleicht. China ist längst die größere Volkswirtschaft, verfügt über eine modernere Armee und hat weitaus mehr diplomatische Optionen. Putin braucht Xi, aber Xi braucht Putin nicht in demselben Maße.

Putin als Bittsteller auf dem diplomatischen Parkett

Die Bilder von Putins Ankunft in Peking sprechen eine eigene Sprache: Der russische Präsident wird von Außenminister Wang Yi empfangen, nicht von Xi persönlich. Das mag protokollarisch üblich sein, doch die Botschaft ist klar: Putin reist an, Xi gewährt die Audienz. In den Gesprächen wird Putin um Unterstützung bitten – für neue Energieverträge, für den Ausbau der Infrastruktur, für diplomatischen Rückhalt in internationalen Foren. Xi wiederum wird Bedingungen stellen können, die Moskau nur schwer ablehnen kann.

Welche konkreten Forderungen stellt China im Gegenzug für wirtschaftliche Hilfe an Russland?

China verlangt von Russland vor allem zweierlei: Erstens eine verlässliche Energieversorgung zu günstigen Preisen. Zweitens Ruhe und Stabilität an der gemeinsamen Grenze. Peking ist nicht daran interessiert, dass Russland militärische Abenteuer in Zentralasien verfolgt oder die Beziehungen zu Indien auf Kosten Chinas ausbaut. Zudem nutzt China die russische Schwäche, um selbst in ehemaligen sowjetischen Einflussgebieten Fuß zu fassen – etwa in Zentralasien, wo chinesische Investitionen und Infrastrukturprojekte (Belt and Road Initiative) die russische Dominanz zunehmend ablösen. Im Gegenzug erhält Russland wirtschaftliches Überleben: Chinesische Käufe von Öl, Gas und Kohle, die unter dem Preis liegen, den Europa vor dem Krieg zahlte, aber immer noch besser als nichts.

Energieabhängigkeit als strategisches Druckmittel

Energiepolitik ist das zentrale Druckmittel, das China gegenüber Russland in der Hand hält. China ist der weltweit größte Abnehmer russischer fossiler Brennstoffe. Ohne diesen Absatzmarkt wäre die russische Wirtschaft noch schwerer getroffen. Peking kann Preise diktieren, Liefermengen steuern und langfristige Verträge aushandeln, die vor allem im eigenen Interesse liegen.

Power of Siberia 2: ein Hebel für Xi

Bei dem Treffen zwischen Putin und Xi könnte es um den geplanten Bau einer Erdgaspipeline gehen: Power of Siberia 2, die von Russland über die Mongolei nach China führen soll. Dieses Projekt ist für Russland von existenzieller Bedeutung, da es den vollständigen Verlust des europäischen Gasmarktes kompensieren soll. Doch China zögert. Peking hat keinen Grund, sich zu beeilen. Je länger Russland auf die Pipeline warten muss, desto mehr Zugeständnisse kann China erzwingen – etwa bei den Preisen oder bei den Beteiligungsverhältnissen an der Pipeline. Während Putin die Pipeline als Rettungsanker braucht, betrachtet Xi sie als ein Instrument, um Russland in der Abhängigkeit zu halten. Die Verhandlungen über Power of Siberia 2 sind ein Paradebeispiel für die Asymmetrie in dieser Beziehung.

Wie profitiert China von der westlichen Sanktionierung Russlands?

Die westlichen Sanktionen haben Russland gezwungen, seine Energieressourcen zu Schleuderpreisen nach China zu verkaufen. Peking kauft russisches Öl und Gas weit unter dem Weltmarktpreis, weil Russland keine anderen Abnehmer in dieser Größenordnung hat. China profitiert doppelt: Es sichert sich günstige Energie für seine Industrie und schwächt zugleich einen potenziellen Rivalen. Die Sanktionen haben die ohnehin bereits bestehende Abhängigkeit Russlands von China noch verstärkt. Peking kann es sich leisten, abzuwarten und den Druck auf Moskau sanft, aber stetig zu erhöhen.

Westliche Fehleinschätzung über Chinas Rolle

Viele westliche Beobachter und Medien neigen dazu, China als direkten Komplizen Russlands im Ukraine-Krieg darzustellen. Diese Sichtweise ist zu einfach. China unterstützt Russland im Krieg weniger, als der Westen glaubt. Peking hat keine Waffen geliefert, keine militärische Beratung angeboten und keine offene Parteinahme für Russlands Kriegsziele erklärt. Stattdessen hat China eine Position der „prinzipienfesten Neutralität“ eingenommen, die es ihm erlaubt, mit allen Seiten Geschäfte zu machen.

Warum China sich nicht auf eine Seite schlägt

Chinas außenpolitische Doktrin ist tief im Pragmatismus verwurzelt. Peking vermeidet jede Eskalation, die es in einen direkten Konflikt mit den USA oder Europa treiben könnte. Der Ukraine-Krieg ist für China in erster Linie eine ökonomische Chance, kein ideologischer Kreuzzug. Während Putin den Krieg als Kampf gegen den Westen inszeniert, betrachtet Xi ihn als ein Geschäft: Man kauft günstige Rohstoffe, verkauft Industriegüter – und hält sich aus dem Kampfgetümmel heraus. China will einen geschwächten, aber stabilen Putin, der von Peking abhängig bleibt, aber nicht so schwach ist, dass er das gesamte System gefährdet.

Inwiefern gefährdet ein zu starker Putin die chinesische Stabilität an der gemeinsamen Grenze?

China hat kein Interesse an einem Russland, das zu mächtig wird. Ein siegreicher Putin könnte versucht sein, seine Energiepolitik gegenüber China zu diversifizieren oder den chinesischen Einfluss in Zentralasien zurückzudrängen. Zudem würde ein gestärktes Russland China als den dominanten Partner in der Beziehung in Frage stellen. Peking bevorzugt daher einen Putin, der wirtschaftlich von China abhängig bleibt, militärisch geschwächt ist und keine weiteren imperialen Ambitionen entwickeln kann. Diese kühle Kalkulation prägt das chinesische Handeln gegenüber Russland weit mehr als jede persönliche Sympathie zwischen Xi und Putin.

Die langfristige Perspektive: das Ende der Zweckgemeinschaft?

Das Treffen in Peking zeigt eines deutlich: Die Beziehung zwischen Xi und Putin ist keine Freundschaft im herkömmlichen Sinne. Es ist eine pragmatische Allianz zweier autoritärer Systeme, die beide vom Westen isoliert sind, aber unterschiedliche Interessen verfolgen. Russland braucht China heute dringender als China Russland. Putin mag Xi als „lieben Freund“ bezeichnen, doch die Realität ist ungleich nüchterner. Xi wird Putin mit offenen Armen empfangen, die Gespräche in freundlicher Atmosphäre führen – und am Ende das Maximum für China herausholen: stabile Grenzen, günstige Energie, geschwächte Konkurrenz in Zentralasien und einen wirtschaftlich angeschlagenen Partner, der keine andere Wahl hat, als den chinesischen Kurs mitzutragen. Die Frage, wie sehr Xi Putin wirklich mag, beantwortet sich damit von selbst: genug, um ihn zu nutzen – aber nicht genug, um ihn zu retten, wenn es China nützt, ihn fallen zu lassen.

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