Marodes Wirtshaus retten: 7 geniale Aktionen der Kneipengäste

Ein Wirtshaus in Freising kämpft ums Überleben

Ein 500 Jahre altes Wirtshaus in Freising kämpft ums Überleben – mit einer Genossenschaftsidee stemmen sich die Bewohner gegen den Verkauf. Das Furtnerbräu, eines der größten Gebäude am Stadtplatz, ist marode: Regen sickert durch das Dach, die Bausubstanz ist sanierungsbedürftig. Doch für viele Freisinger ist diese Kneipe mehr als nur ein Ort zum Trinken. Sie ist Wohnzimmer, Treffpunkt und kulturelles Zentrum. Wie die Gäste das marode Wirtshaus retten wollen, zeigt sieben bemerkenswerte Aktionen, die weit über das Übliche hinausgehen.

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Sieben geniale Aktionen der Kneipengäste

Gründung einer Genossenschaft: Jeder kann Miteigentümer werden

Die wohl entscheidende Aktion ist die Gründung einer Genossenschaft. Der Architekt Reinhard Fiedler und seine Freunde haben sich mit dem Eigentümer auf ein Modell geeinigt, das den Fortbestand des Wirtshauses auf 99 Jahre sichern soll. Statt an einen Investor zu verkaufen, der möglicherweise die Gastronomie aufgibt, bieten sie den Bürgern an, Anteile zu erwerben. Für 500 Euro kann jeder Freisinger oder Freund des Furtnerbräu Genossenschaftsmitglied werden. Benötigt werden 2200 Genossen, um die Ablöse von 800.000 Euro und die jährliche Pacht von 100.000 Euro zu stemmen. Nach nur einer Woche hatten sich bereits knapp 500 Personen beteiligt. Dieses Modell zeigt, wie eine Stadtgemeinschaft Verantwortung übernimmt und ein marodes Wirtshaus retten kann, ohne sich an kommerzielle Zwänge zu binden.

Ehrenamtlicher Betrieb: Die Kneipe als Herzensprojekt

Das Furtnerbräu wird nicht von Profi-Gastronomen, sondern von Amateuren betrieben – und das mit bemerkenswertem Engagement. Fiedler, der hauptberuflich Architekt ist, arbeitet zusammen mit Freunden wie Ludwig „Zottel“ Dinzinger, der am Münchner Flughafen beschäftigt ist, und Norbert Gmeiner. Sie alle sehen den Erhalt des Wirtshauses als Lebensaufgabe, die sie für ihre Enkel verwirklichen wollen. Die Verträge laufen wegen des geplanten Verkaufs immer nur für ein Jahr – ein Wirtshaus-Provisorium, das trotzdem fast jeden Abend Hochbetrieb verzeichnet. Die Wirte arbeiten ohne eigenes Gehalt, der gesamte Erlös fließt in den Erhalt des Gebäudes und den Einkauf von Getränken. Diese ehrenamtliche Energie ist ein zentraler Faktor, um ein marodes Wirtshaus retten zu können.

Solidarität unter Wirten: Ersatzteile in der Not

Die Freisinger Gastronomie zeigt eine außergewöhnliche Solidarität. Als dem Furtnerbräu nachts der Zapfhahn kaputtging, zögerte ein Wirt aus der Nachbarschaft keine Sekunde. Er zerlegte kurzerhand seine eigene Schankanlage, um das benötigte Ersatzteil auszuleihen. Diese Geste symbolisiert den Zusammenhalt der lokalen Wirte, die verstehen, dass der Erhalt des Furtnerbräu für die gesamte Stadt wichtig ist. In vielen Städten würde ein solcher Notfall bedeuten, dass der Ausschank für den Abend geschlossen werden müsste. Hier zeigt sich, wie persönliche Beziehungen und gegenseitige Hilfe den Betrieb eines historischen Wirtshauses am Laufen halten. Die Nachbarschaftshilfe geht über das Übliche hinaus und ist ein praktisches Beispiel dafür, wie die Gemeinschaft ein marodes Wirtshaus retten unterstützt.

Historische Brauhefe suchen: Das alte Furtner-Bier wiederbeleben

Bis 1967 wurde im Furtnerbräu selbst gebraut. Die Spuren dieser Tradition sind noch im Gebäude vorhanden. Örtliche Brauwissenschaftler haben sich auf die Suche nach alter Brauhefe in den ehemaligen Braustockwerken gemacht. Ihr Ziel ist es, die ursprüngliche Hefe zu finden und damit das historische Furtner-Bier wieder zum Leben zu erwecken. Diese Aktion verbindet Denkmalpflege mit Braukunst. Wenn es gelingt, das alte Bier wieder auszuschenken, könnte das eine enorme touristische und kulturelle Anziehungskraft entfalten. Die Gäste würden nicht nur ein Wirtshaus besuchen, sondern ein Stück lebendige Geschichte erleben. Diese Initiative zeigt, wie tief die Verbundenheit mit der Tradition ist und dass der Erhalt des Gebäudes nur ein Teil des Rettungsplans ist – die Wiederbelebung der Brautradition könnte ein zusätzliches Standbein für die Finanzierung werden.

Feste und Veranstaltungen: Das Wirtshaus als kulturelles Zentrum

Im Furtnerbräu herrscht fast jeden Abend Hochbetrieb. Hier wird Fasching gefeiert, Karten gespielt, gelacht und diskutiert. Die Gäste nutzen das Wirtshaus für private Feiern, Vereinsabende und kulturelle Veranstaltungen. Dieses breite Veranstaltungsangebot macht das Haus zu einem sozialen Ankerpunkt. Anders als in vielen anderen Kneipen ist Kartenspielen hier nicht nur erlaubt, sondern wird aktiv unterstützt – der Wirt versorgt die Spieler sogar mit den richtigen Kartendecks. Die regelmäßigen Feste und Events generieren Umsatz und binden die Gäste emotional an das Haus. Jeder Besucher wird Teil der Gemeinschaft, die für den Erhalt kämpft. Diese kulturelle Nutzung ist ein wirtschaftlicher Faktor, der zeigt, dass ein marodes Wirtshaus retten auch durch aktive Bespielung möglich ist.

Eigenleistung und Handwerker mit Leidenschaft

Die Sanierungskosten sind immens: Allein die Dachreparatur wird auf 400.000 Euro geschätzt. Die gesamte Ablöse plus Sanierung könnte rund acht Millionen Euro kosten. Doch die Genossenschaftsmitglieder scheuen nicht vor Handarbeit zurück. Sie packen selbst mit an, reparieren, streichen und räumen auf. Gleichzeitig suchen sie gezielt Handwerker, die eine Leidenschaft für alte Wirtshäuser haben – Menschen, die verstehen, dass es hier nicht um eine sterile Renovierung geht, sondern um den Erhalt des urigen Ambientes. Diese Mischung aus Eigenleistung und professioneller Hilfe senkt die Kosten und schafft Identifikation. Die Mitglieder investieren nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Schweiß. Diese aktive Beteiligung ist ein entscheidender Baustein, um das marode Wirtshaus retten zu können.

Öffentlichkeitsarbeit und Medienpräsenz: Die Geschichte weitertragen

Die Rettungsaktion des Furtnerbräu hat überregionale Aufmerksamkeit erregt. Zeitungen wie BILD berichten über den Kampf um das historische Wirtshaus. Die Gäste selbst tragen die Geschichte in die sozialen Medien, zu Veranstaltungen und in Gespräche. Sie machen Werbung für den Genossenschaftsgedanken und gewinnen neue Mitglieder. Die mediale Präsenz ist ein wichtiger Faktor, um die benötigten 2200 Genossen zu erreichen. Jeder Artikel, jeder Post, jedes Gespräch erhöht die Chance, dass jemand einen Anteil für 500 Euro erwirbt. Die Gäste sind die besten Botschafter. Sie erzählen von der besonderen Atmosphäre, vom fehlenden Brauereizwang – derzeit läuft Augustiner über die Schankanlage – und von den günstigen Bierpreisen (eine Halbe kostet demnächst 4,10 Euro). Diese authentische Mundpropaganda ist unbezahlbar und zeigt, wie eine Gemeinschaft durch Öffentlichkeitsarbeit ein marodes Wirtshaus retten kann.

Die Genossenschaft als Modell für andere Wirtshäuser?

Das Furtnerbräu in Freising steht exemplarisch für viele historische Gaststätten in Deutschland, die ums Überleben kämpfen. Das Gebäude mit 3600 Quadratmetern auf vier Stockwerken ist für einen reinen Gaststättenbetrieb zu groß und zu heruntergekommen. Der Verkauf an einen Investor wäre nach Einschätzung der Betreiber der Tod des Wirtshauses. Die Genossenschaftsidee mit 99 Jahren Erbpacht ist ein mutiger und innovativer Weg. Sie erlaubt es, das Wirtshaus als sozialen Treffpunkt zu erhalten, ohne dass ein kommerzieller Druck entsteht. Ob das Modell langfristig trägt, hängt davon ab, ob die 2200 Genossen gefunden werden und ob die Sanierungskosten gestemmt werden können. Doch allein die Tatsache, dass nach einer Woche knapp 500 Menschen bereit waren, 500 Euro zu investieren, zeigt das enorme Potenzial. Vielleicht wird der Furtnerbräu zum Vorbild für andere marode Wirtshäuser, die von ihren Gästen gerettet werden wollen.

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