Der einzige heimische Wal: Der Gewöhnliche Schweinswal
Wussten Sie, dass in deutschen Gewässern eine Walart dauerhaft lebt? Der Gewöhnliche Schweinswal ist heimisch – aber sein Bestand schrumpft dramatisch. Das kleine Tier gehört zur Familie der Zahnwale und erreicht eine Länge von bis zu 1,9 Metern. Damit ist es deutlich kleiner als die Buckelwale, die gelegentlich als Irrgäste Schlagzeilen machen. Doch gerade seine Unauffälligkeit macht die Beobachtung zu einer besonderen Herausforderung: Die dreieckige Rückenflosse ragt nur wenige Sekunden aus dem Wasser, dann ist der Wal wieder verschwunden. Dennoch lohnt sich die Geduld, denn die Chance, Schweinswale in deutschen Gewässern zu beobachten, ist in bestimmten Regionen und Jahreszeiten durchaus vorhanden.

Der Lebensraum des Schweinswals erstreckt sich über die gesamte Nord- und Ostsee, aber auch in Flussmündungen und zeitweise sogar in deutschen Flüssen ist er anzutreffen. Besonders im Frühjahr folgen die Tiere wandernden Fischarten wie dem Europäischen Stint flussaufwärts. Lange galten deutsche Flüsse für die Meeressäuger als verloren, doch die Wasserqualität hat sich vielerorts verbessert. Schweinswale werden inzwischen wieder regelmäßig in Weser, Elbe und Ems gesichtet. Dauerhaft leben sie dort jedoch nicht – sie folgen ihrer Beute aus dem Meer in die Flüsse hinein. Wer also Wale in Deutschland sehen möchte, hat an der Küste die deutlich besseren Karten.
Warum Schweinswale in deutsche Flüsse zurückkehren
Jahrzehntelang waren Schweinswale aus deutschen Flüssen nahezu verschwunden. Verschmutzung, Schiffsverkehr und der Rückgang der Fischbestände hatten die Tiere vertrieben. Inzwischen jedoch verbessern sich die Lebensbedingungen spürbar. Kläranlagen filtern Schadstoffe effektiver, und Renaturierungsmaßnahmen an Flussufern schaffen wieder Rückzugsorte für Fische. Die Rückkehr der Beutefische ist der entscheidende Faktor. Wenn der Europäische Stint im Frühjahr zum Laichen aus der Nordsee in die Unterläufe von Ems, Weser und Elbe wandert, folgen ihm die Schweinswale. Auch in der Ostsee zeigen sich ähnliche Entwicklungen: In der Flensburger Förde sind die Tiere mittlerweile so regelmäßig anzutreffen, dass der NABU dort organisierte Whale-Watching-Touren anbietet. Für Naturliebhaber bietet sich so die seltene Gelegenheit, Wale in Deutschland zu sehen, ohne eine weite Reise unternehmen zu müssen.
Doch die Rückkehr in die Flüsse ist nicht ungefährlich. Die engen Fahrwasser, die starke Strömung und der zunehmende Frachtschiffverkehr stellen erhebliche Risiken dar. Insbesondere Kollisionen mit Schiffsschrauben und der Lärm von Motoren gefährden die orientierungslosen Tiere. Dennoch geben die Sichtungen der letzten Jahre Anlass zur Hoffnung, dass sich die Bestände langsam erholen könnten – wenn die Schutzmaßnahmen greifen.
7 geniale Spots, um Wale in Deutschland zu sehen
Die folgende Übersicht zeigt Ihnen die vielversprechendsten Orte an Nord- und Ostsee, an denen Sie mit etwas Glück Schweinswale beobachten können. Die Chancen stehen vor allem in den Monaten April bis Juni und September bis November gut, wenn die Tiere den wandernden Fischschwärmen folgen.
| Ort | Region | Besonderheit |
|---|---|---|
| Flensburger Förde | Ostsee (Schleswig-Holstein) | NABU-Whale-Watching-Touren, regelmäßige Sichtungen |
| Borkum | Nordsee (Ostfriesland) | Ruhige Strände, gute Sicht auf die offene See |
| Sylt | Nordsee (Nordfriesland) | Höhere Chance bei auflandigem Wind |
| Weser bei Bremerhaven | Flussmündung (Niedersachsen) | Frühjahrszug der Stinte |
| Elbe bei Cuxhaven | Flussmündung (Niedersachsen) | Ehemaliger Hotspot, heute wieder häufiger |
| Ems bei Emden | Flussmündung (Niedersachsen) | Ruhige Wasserlage begünstigt Sichtungen |
| Darß / Zingst | Ostsee (Mecklenburg-Vorpommern) | Boddenlandschaft, flache Uferzonen |
1. Flensburger Förde – Der Klassiker für organisierte Touren
Die Förde zwischen Flensburg und der dänischen Grenze gilt als einer der besten Orte, um Wale in Deutschland zu sehen. Der NABU bietet hier geführte Bootsausfahrten an, die speziell auf die Beobachtung von Schweinswalen ausgerichtet sind. Die Touren finden in den Monaten Mai bis September statt und dauern etwa zwei bis drei Stunden. Ein erfahrener Naturführer erklärt die Lebensweise der Tiere und zeigt, worauf man achten muss. Da die Förde relativ geschützt liegt, sind die Wellen meist niedrig, was die Sicht erleichtert. Schweinswale tauchen hier besonders häufig auf, weil die Förde reich an Fischgründen ist und der Schiffsverkehr moderat bleibt. Für Einsteiger ist dies die empfehlenswerteste Option, da Sie nicht allein auf die Suche gehen müssen.
2. Borkum – Weite Blicke auf die Nordsee
Die westlichste der ostfriesischen Inseln bietet ideale Bedingungen für die Walbeobachtung vom Strand aus. Besonders die Nordseeküste bei Ebbe – wenn das Wasser klar und ruhig ist – ermöglicht weite Blicke. Schweinswale patrouillieren oft in der Nähe der Insel, um nach Fischen zu jagen. Ein Tipp: Suchen Sie sich einen erhöhten Punkt wie eine Düne oder das Deck des Leuchtturms. Von dort erkennen Sie die typische dreieckige Rückenflosse schon aus größerer Entfernung. Geduld ist gefragt, denn die Tiere tauchen nur alle ein bis zwei Minuten für wenige Sekunden auf. Nehmen Sie ein Fernglas mit, das vergrößert die Chancen erheblich.
3. Sylt – Wo die Nordsee am wildesten ist
Die Insel Sylt lockt nicht nur Surf- und Sonnenanbeter, sondern auch Walsuchende. An der Westküste, insbesondere im Bereich der Roten Kliff bei Kampen, sind Sichtungen nicht selten. Weil hier das Wasser tief und nährstoffreich ist, jagen Schweinswale oft direkt vor der Küste. Besonders bei auflandigem Wind – wenn der Wind vom Meer auf das Land weht – kommen die Tiere näher an den Strand. Auch von den Aussichtsplattformen am Ellenbogen im Norden der Insel haben Sie eine gute Chance. Planen Sie mehrere Stunden ein, vorzugsweise in den frühen Morgenstunden, wenn das Meer am ruhigsten ist und die Sonne flach über dem Wasser steht.
4. Weser bei Bremerhaven – Rückkehr in die Mündung
In den vergangenen Jahren sind Schweinswale wieder häufiger in der Unterweser aufgetaucht. Der Grund: Im Frühjahr wandern riesige Schwärme des Europäischen Stints flussaufwärts, um in den Brackwasserzonen zu laichen. Ihnen folgen die Wale buchstäblich bis vor die Tore Bremerhavens. Ein besonders guter Beobachtungspunkt ist der Deich zwischen Bremerhaven und Weddewarden. Von dort haben Sie einen weiten Blick auf das Fahrwasser. Bootsfahrten im Mündungsgebiet erhöhen die Chancen zusätzlich, da Sie flexibler auf die Bewegungen der Tiere reagieren können. Beachten Sie jedoch die Tide: Bei auflaufendem Wasser strömen die Fische flussaufwärts – die Wale sind dann näher am Ufer.
5. Elbe bei Cuxhaven – Traditioneller Wal-Hotspot erlebt Renaissance
Die Elbmündung bei Cuxhaven war vor Jahrzehnten ein bekannter Ort für Schweinswalsichtungen, dann verschwanden die Tiere jahrelang. Heute kehren sie zurück. Die verbesserte Wasserqualität und die Wiederansiedlung von Beutefischen machen die Region wieder attraktiv. Besonders der Bereich zwischen dem Alten Liegeplatz und der Kugelbake eignet sich für Beobachtungen vom Ufer aus. Auch die Fähren nach Helgoland und Neuwerk bieten eine gute Gelegenheit, Wale von Bord aus zu sehen – achten Sie auf die charakteristischen Atemgeräusche und kurzen Blasfontänen. Im Herbst, wenn die Heringe wieder die Elbe hinaufziehen, steigt die Wahrscheinlichkeit weiter an.
6. Ems bei Emden – Unerwartete Rückkehr im Westen
Die Ems war einst eine der am stärksten belasteten Flussmündungen Deutschlands. Inzwischen hat sich die Situation deutlich entspannt, und Schweinswale zeigen sich wieder. Besonders bei ruhiger Wetterlage mit wenig Wind und schwacher Strömung können Sie die Tiere in der Nähe von Emden beobachten. Der Deich am Emder Hafen bietet eine gute Aussicht, ebenso die Radwege entlang des Emsdeichs. Da die Ems schmaler ist als Elbe oder Weser, sind die Wale hier oft näher am Ufer. Ein Nachteil: Der Schiffsverkehr im Hafen und die nahen Werften erzeugen viel Unterwasserlärm, der die Tiere abschrecken kann. Die besten Sichtungen gelingen daher an Wochenenden oder in den frühen Morgenstunden, wenn weniger Betrieb herrscht.
7. Darß und Zingst – Stille Buchten der Ostsee
Die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns ist ein Geheimtipp für alle, die Wale in Deutschland sehen möchten. Die flachen Boddengewässer und die vorgelagerten Sandbänke bieten Schweinswalen ideale Jagdgründe. Besonders im Bereich des Weststrandes und der Bock-Region nahe Prerow tauchen die Tiere immer wieder auf. Weil die Ostsee hier sehr flach ist, sind die Wale oft schon aus wenigen Metern Entfernung zu erkennen – vorausgesetzt, das Wasser ist ruhig und klar. Ein Fernglas ist auch hier hilfreich. Kombinieren Sie die Walsuche mit einem Besuch des Darßer Urwald oder des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft – die Natur erleben Sie dann gleich doppelt.
Welche Gefahren bedrohen die Schweinswale in Deutschland?
Die Bestände der Schweinswale sind in den letzten Jahren dramatisch gesunken. Laut NABU schrumpfte die Zahl in der westlichen Ostsee zwischen 2016 und 2022 von rund 42.000 auf nur noch etwa 14.000 Tiere – ein Rückgang von über 65 Prozent. In der zentralen Ostsee leben laut BUND nur noch wenige hundert Tiere. Nach Schätzungen des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund existieren im Gebiet zwischen Kattegat und Bornholmer Becken nur noch rund 100 bis 1000 Tiere. Diese Region reicht bis nach Rügen und zum Darß – also genau in die Gebiete, in denen Sichtungen möglich sind.
Die größte Todesursache ist der Beifang in Fischernetzen. Schweinswale verfangen sich in Stellnetzen, weil sie mit ihren Echoortungsfähigkeiten die feinen Maschen oft nicht rechtzeitig erkennen. Sie ertrinken, weil sie nicht mehr an die Wasseroberfläche gelangen können. Hinzu kommt der Unterwasserlärm durch Schiffsverkehr, Bauarbeiten und militärische Übungen. Dieser Lärm stört die Kommunikation und Orientierung der Tiere, treibt sie aus ihren angestammten Revieren und kann sogar zu physischen Schäden an den Gehörorganen führen. Chemische Belastungen wie PCB und andere Giftstoffe schwächen zudem das Immunsystem und die Fortpflanzungsfähigkeit.
Gibt es Hoffnung für den Schweinswal? – Mehr Sichtungen im Jahr 2024
Trotz der düsteren Bestandszahlen gibt es einen Hoffnungsschimmer: Im Jahr 2024 wurden in Deutschland so viele Schweinswale gesichtet wie in den letzten Jahren nicht mehr. Das melden übereinstimmend der NABU und das Deutsche Meeresmuseum. Ob dies auf eine tatsächliche Erholung der Bestände oder lediglich auf eine veränderte Verteilung der Tiere zurückzuführen ist, lässt sich noch nicht abschließend sagen. Fest steht jedoch, dass die vielen Meldungen von aufmerksamen Beobachtern den Druck auf Politik und Fischerei erhöhen, endlich wirksame Schutzmaßnahmen umzusetzen.
Mehrere Projekte arbeiten daran, die Überlebenschancen der Schweinswale zu verbessern. Dazu gehören die Ausweisung von Meeresschutzgebieten, in denen Fischerei mit Stellnetzen eingeschränkt wird, die Entwicklung von Alternativen zu gefährlichen Netzen und die Reduzierung von Unterwasserschall durch leisere Schiffsantriebe und Bauverfahren. Jeder einzelne kann zudem dazu beitragen: Wer Wale in Deutschland sehen möchte, sollte sich für den Schutz der Meere einsetzen – sei es durch die Wahl von Fisch aus nachhaltiger Fischerei, durch die Teilnahme an Strandreinigungsaktionen oder durch die Unterstützung von Naturschutzorganisationen.
Wie verhalte ich mich bei einer Walsichtung richtig?
Wenn Sie tatsächlich einen Schweinswal entdecken, ist besonnenes Verhalten entscheidend. Die Tiere sind stressempfindlich und dürfen nicht bedrängt werden. Halten Sie zu Booten einen Mindestabstand von 100 Metern, fahren Sie langsam und vermeiden Sie plötzliche Kurswechsel oder laute Motorengeräusche. Vom Ufer aus können Sie die Tiere mit einem Fernglas beobachten – versuchen Sie nicht, durch Winken oder Rufen ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Schweinswale orientieren sich über Echoortung; Ihr Verhalten sollte sie nicht stören. Teilen Sie Ihre Sichtung am besten einer lokalen Naturschutzbehörde mit, denn jede Meldung hilft, das Verbreitungsgebiet besser zu verstehen und Schutzmaßnahmen gezielt zu planen.
Besonders in der Flensburger Förde, wo organisierte Touren angeboten werden, gelten strenge Verhaltensregeln. Die NABU-Touren sind so konzipiert, dass die Wale möglichst wenig gestört werden. Sie können also mit gutem Gewissen teilnehmen und erhalten gleichzeitig wertvolle Informationen über die Tiere. Sollten Sie ohne Führung unterwegs sein, gilt: Ein ruhiger, respektvoller Umgang mit der Natur belohnt nicht nur mit unvergesslichen Eindrücken, sondern schützt auch die empfindlichen Meeressäuger.
Die Rückkehr der Schweinswale in deutsche Gewässer ist ein Zeichen der Hoffnung – aber auch eine Mahnung. Jede Sichtung erinnert uns daran, dass der Schutz der Meere nicht nur den Walen, sondern letztlich auch uns selbst zugute kommt. Wer das Glück hat, die kleine dreieckige Finne aus den Wellen ragen zu sehen, hat mehr erlebt als nur einen flüchtigen Anblick: einen lebendigen Beweis dafür, dass sich engagierter Naturschutz auszahlen kann.




